#MunichShooting und die Nacht der Medien

Ich bin sehr traurig über die Toten und Verletzten der Münchener Terrornacht vom 22. Juli. Und bevor ihr weiterlest sollten wir gemeinsam eine Schweigeminute einlegen und ihnen und ihrer Angehörigen gedenken.


Mein letztes Posting versuchte zu erklären, warum wir als Einzelne aber auch als Gesellschaft den Umgang mit den Medien generell neu lernen müssen. Die Münchener Nacht mit den Hashtags #oez, #munichshooting oder #schiesserei zeigt anschaulich wie das gemeint ist. Einen Tag zuvor hatte Stefan Niggemeier noch diesen Beitrag über die Rituale des Nachrichtenfernsehens online gestellt, den ich unter 10. kommentiert habe.

Was sind die Erkenntnisse nach dieser Nacht?

Zuerst wird die besonnene, ruhige Art des Münchener Polizeisprechers gelobt.

Diese Gelassenheit fehlte vielen Medien, Journalisten und Social Media Usern, meint Prof. Krause, Terrorismus-Experte der Uni Kiel, im Gespräch beim Deutschlandfunk.

Einer der Medienmenschen, der als Betroffener und als Journalist in beiden Rollen mittendrin war, ist der geschätzte @CJakubetz. Er wohnt in der Nachbarschaft des OEZ in München-Moosach und hat in der Nacht für BBC World und Deutsche Welle TV aus München berichtet. Er bloggt noch in den frühen Morgenstunden zu seinen Erfahrungen, die noch frisch unter den Eindrücken des Ereignisses stehen, und schreibt als Fazit:

„Einfach mal abwarten, das wäre eine Idee. Vielleicht sollte ich einfach mal raus an die frische Luft.“

Viele andere springen auf den Zug der medialen Aufmerksamkeit auf, die sicher betroffen sind, aber nicht Betroffene sind:

Interessant auch, dass wenige Stunden, nachdem neun Menschen ihr Leben lassen mussten, schon die Rolle der Medien diskutiert wurde. Mache ich natürlich auch gerade, was schlecht ist und ich eigentlich nicht will, aber mir aus dem Kopf schreiben muss. Wie schon nach Paris, Nizza etc. wird argumentiert wieviel besser „das Netz“ berichtet oder wieviel besser „das Fernsehen“ berichtet.

Und nun zu uns, den Mediennutzern in der letzten Nacht.

Unsere ununterbrochene Faszination für Ereignisse und unser Interesse an Dramen lässt uns von der Coach oder dem Biergarten aus dabei sein, obwohl wir nicht gut informiert werden. Wir glauben dabei zu sein, aber das, was wir durch die Hands-on-Medien in Echtzeit oder dann in den Nachrichtensendungen zeitversetzt sehen ist ja nur simuliert. 

Diese virtuell erzeugt Wirklichkeitssimulation hat vermutlich einen höheren Realitätsgrad als das, was vor Ort passierte, denn ausser vor den Screens kann keiner gleichzeitig überall sein. Gibt es da noch eine objektive Realität? Wir wollen das glauben, aber fasziniert von der Bilder-/Text-Ereignisflut können wir die Eindrücke doch gar nicht mehr in unserem Gehirnapparat verarbeiten.
Diese Übermaße an Daten (Periscopes, Tweets, FB-Videos and so on), an Informationsbruchstücken, führen zur Erosion unseres Wissens, weil sie vom Betrachter in Echtzeit kaum in einen glaubhaften Kontext eingebaut werden können. Daran ändert auch ein 24/7-Nachrichtenkanal nichts, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, egal ob zufällig immer ein Richard Gutjahr (immerhin, ein Max Musterfrau wäre uns auch suspekt) vor Ort ist oder ein Gesicht im Studio steht.
Paulo Virilio nannte es vor 30 Jahren schon den „Rasenden Stillstand“ – alles kommt in Lichtgeschwindigkeit zu uns, unseren Arsch müssen wir nicht mehr bewegen und halten technische Verlässlichkeit der Datenübertragung schon für Wissen. Was kommt nach dem Rasenden Stillstand?

Ich empfehle zur Nachbearbeitung und Nachbesinnung der Münchener Nacht der Medien den preisgekrönten Roman von Stan Nadolny „Die Entdeckung der Langsamkeit“ und die Medien in solchen Nächten einfach abschalten, was ich dann gegen 21:30 auch gemacht habe. Heute morgen wusste ich dann mehr, durch weniger.

23. Juli 2016 von Thomas
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