Mit Unbestimmtheit Meinung machen

Zeit-Online vom 16.01.2016 zum Thema „Junge, aber wenig qualifizierte Flüchtlinge“:

„(…) In den vergangenen Monaten kamen zudem Hunderttausende Flüchtlinge ins Land. Hunderttausende vor allem junge Männer, die in den kommenden Jahren auf den deutschen Arbeitsmarkt drängen werden – und deren berufliche Ausbildung in der Regel unklar ist. (…)“

Ein beliebiger Satz, quasi als Zufallsziehung gegoogelt, aus den Beiträgen in deutschen Medien gestern. Er soll stellvertretend für den Gebrauch von unbestimmten Zahlwörtern stehen, mit denen – absichtlich oder unbewusst – Meinung gemacht wird. Er ist auch nicht aus dem Zusammenhang gerissen.

  • Sind „vergangene Monate“ nun zwei, drei, sechs oder elf Monate?
  • Wieviel versteht man ganz genau unter „Hunderttausende Flüchtlinge“? Zweihundert-, vierhundert oder vielleicht siebenhunderttausend Flüchtlinge?
  • „Hunderttausende vor allem junge Männer“ – sind hiermit zweihunderttausend vor allem junge Männer von vierhunderttausend Flüchtlingen insgesamt oder doch sechshunderttausend Männer irgendwelchen beliebigen Alters von siebenhunderttausend Flüchtlingen insgesamt gemeint?
  • Diese drängen auch noch in den „kommenden Jahren“ auf den deutschen Arbeitsmarkt. Immerhin Plural, aber in zwei oder sechs Jahren?

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17. Januar 2016 von Thomas
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Wiederbelebung

Es ist an der Zeit wieder mehr drauf zu schauen auf das, was in und mit den Medien(-marken) passiert. Viele Veränderungen technologischer, kultureller und sozio-ökonomischer Art im letzten Jahr haben in der Medienwelt neue Dynamiken entfacht und Energien freigesetzt – Gutes und Neues. Zu vieles davon blieb von mir unkommentiert (ich könnte die üblichen, verdächtigen Gründe anführen: Zeit, Raum usw., ich lasse es).

Gilt „das Neue ist nicht gut und das Gute ist nicht neu“ oder doch eher ein umgekehrtes „das Neue ist gut, und das Gute ist neu“. Sind zum Beispiel Big-Data-Technologien gut? Ja, für Medienhäuser und ihre Vermarkter. Nein, für den einzelnen Menschen. Und für die Gesellschaft, wenn primär die Informationen und Inhalte verbreitet werden, die den Algorithmen genügen? Was ist der Mensch, wenn er zunehmend der Mathematisierung der Medien unterliegt? Welche Codes beherrschen die mathematisch-statistische Analysen? Werden kulturelle Codes mathematisiert? Kommt nach der Mediengesellschaft die mathematisierte Gesellschaft?

In kommenden Posts werde ich mich mit den Kant’schen Fragen der aktuellen Medienwelt beschäftigten: Was kann ich wissen?, Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Und: Was ist der Mensch? Zum Diskurs hier oder auf den üblichen sozio-digitalen Märkten lade ich herzlich ein.

 

15. Januar 2016 von Thomas
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Blendle: Wie funktioniert der Verkauf einzelner journalistischer Artikel (nicht).

Vor zwei Wochen verkündete Blendle aus den Niederlanden die Beteiligung von Springer AG und New York Times. Über das E-Commerce Portal Blendle.nl können einzelne journalistische Artikel verkauft werden. Es ist die realisierte Sehnsucht einiger Medienmenschen nach dem iTunes für Journalismus.

Warum wird das nicht funktionieren? Jedenfalls nicht so, wie erhofft?

Widmen wir uns kurz der volkswirtschaftlichen Gütertheorie. Medienprodukte sind Erfahrungs- und Vertrauensgüter. Vor dem Kauf besteht eine Unsicherheit über die Qualität ihrer Inhalte. Der Leser muss die Informationen erst aufnehmen, um dann beurteilen zu können, ob er das erhalten hat, was er erwarten konnte. Eigentlich kann er die Qualität von Informationen aber nicht ex post beurteilen, denn es herrscht auch noch eine Informationsasymmetrie. Der Autor, in unserem Fall der Journalist, weiß immer mehr als der Leser (vielleicht hat er ja seinen Ehrenkodex missachtet und eine vermeintliche Tatsache gefaked – soll’s ja geben). Entscheidend ist dann das Vertrauen in den Absender.
Die großen vertrauenswürdigen Medienanbieter bündeln ihre Angebote zu Informations-, Meinungs- und Unterhaltungs-Bouquets. Ich kann mich bei einem Spiegel, einem Handelsblatt oder einer ZEIT eben auf eine gewisse, stets subjektiv wahrgenommene Qualität verlassen. Unabhängig vom Autor, weil die Absendermarke über die Zeit zu einer Marke geworden ist, der man vertraut und mit der man vertraut ist. Weiterlesen →

09. November 2014 von Thomas
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