Elefantenrunde im Bundestag zur Zukunft des Qualitätsjournalismus

Gestern fand im Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages ein zweistündiges Expertengespräch zur Zukunft des Qualitätsjournalismus statt. Das Bundestags-TV übertrug live. Der Beitrag steht jetzt in deren Mediathek.

Es war eine Elefantenrunde – der Eintritt war frei: Matthias Döpfner, Rainer Esser, Julia Jäckel, Ulrich Lingnau, Christian Nienhaus und Stephan Weichert von der Macromedia-Hochschule in Hamburg. Es war eine Aufforderung zum Protektionismus eines sich auflösenden Geschäftsmodells: Qualitätsjournalismus aus zwei Erlösquellen, wie er bisher war.

Es wurde alles gefordert: Leistungsschutzrecht (alle bis auf Weichert), Schutz vor gebührenfinanziertem Journalismus im Netz (Döpfner), die Grosso-Novelle (Esser), Schutz vor „Datenkraken aus dem Silicon Valley“ (Esser)  – vor „Goliath gegen David“ (Esser), Schutz vor Einschränkungen bei der Abo-Werbung durch die EU (Esser, Jäkel), Schutz vor Werbeverboten durch „EU-Bürokraten, die sich wichtig nehmen“ (Esser), Schutz vor dem „Versenken“ (Esser) von Werbung aus Print in TV, eine Kooperationserlaubnis für Verlage (Esser), Schutz vor eingreifenden Werberichtlinien bei Nahrungsmitteln (Jäkel), Schutz vor unterschiedlicher Besteuerung in Europa (Jäkel), Angleichung der Mehrwertsteuer auf Null (Jäkel), Schutz vor SEPA – europäische Zahlungsverkehrsrichtlinien (Lingnau), Schutz vor „Staatsbetrieben“ (Nienhaus) wie der Post, die Werbung frei verteilt, Änderung des Pressefusionsrechtes (Nienhaus)…

Hab‘ ich was vergessen?

Der Wunschzettel ist lang, aber die Runde betont, man sei weder kulturpessimistisch, noch wolle man sich den Herausforderungen verweigern. Im Gegenteil, die Zukunft für Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus sei großartig, wie Döpfner betonte . Einerseits wird auf die Meritorik, Demokratie, Erhalt mittelständischer Verlagsstrukturen, Unabhängigkeit und Arbeitsplatzerhalt etc. hingewiesen, andererseits der Vorschlag Weicherts, nach Kuratierungen durch Stiftungsmodelle vehement abgelehnt. Wettbewerb, technologischer Fortschritt, verändertes Konsumentenverhalten, Globalisierung und viele andere Aspekte betreffen alle Märkte und damit müssen sich noch ganz andere Branchen herumschlagen. Esser berichtet, dass die „Zeit“ jedes Jahr 20-25% – das sind 70.000 – neue Vollzahler-Abonnenten gewinnen muss. Die verlustig gegangenen Abonnenten sterben ja nicht alle. Frage: warum gehen Sie dann? Man will marktwirtschaftliche Probleme marktwirtschaftlich lösen und fordert dazu den Gesetzgeber zu protektionistischen Maßnahmen – sie nennen das „faire Rahmenbedingungen“ auf – das passt doch alles nicht zusammen!

Mir sind Unternehmer lieber, die sich den, ja, harten Märkten wirklich stellen, die tolle Produkte entwickeln und pflegen, ihr Marketing und ihren Vertrieb state of the art aufstellen und am Puls der Zeit bleiben. Keine Verlagsmenschen, die die Zeit festhalten wollen und die Wunschzettel schreiben… Dann wird das auch in Zukunft was mit Paid Content.

 

21. Februar 2013 von Thomas
Kategorien: Geschäftsmodell, Medienmarketing, Qualitätsjournalismus | Schlagwörter: , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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