Gemeinsame Paywall deutscher Zeitungsverlage?

Am vergangenen Mittwoch fand in Köln der 5. Tag des Wirtschaftsjournalismus statt. Auch dieses Mal war Gabor Steingart wieder dabei, Herausgeber Handelsblatt und Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt. Also nicht irgendwer. Dabei lies er in Sachen nähere Zukunft des Paid Content für Qualitätsjournalismus in Deutschland einige interessante Bemerkungen fallen. Danach arbeiten führende deutsche Zeitungsverlage an der Einführung einer gemeinsamen Paywall. Wie soll es auch anders sein unter der Führung der Axel Springer AG, die laut Steingart „einen zweistelligen Millionenbetrag“ in die entsprechende Software-Entwicklung investiert habe. Diese soll ein Single-Sign-in ermöglichen, so das Leser zukünftig einfach Angebote verschiedener Publikationen gegen Zahlung beziehen können. Steingart wies in seinen Bemerkungen zu diesem Thema ausdrücklich auf die kartellrechtliche Problematik hin, die eine solche gemeinsame Vorgehensweise mit sich bringe.

Was steckt genau dahinter? In diesem Kontext sollte auch nochmal der Beitrag von Wolfgang Michal auf Carta betrachtet werden. Er schreibt von dem sogenannten Piano-Modell und stellt einen Zusammenhang zwischen der gemeinsamen Anzeigenvermarktung durch das Medienhaus Deutschland und einer nationalen Paywall her. Das glaube ich so in dieser Form derzeit nicht. So heißt es im Handelsregister Düsseldorf zum Medienhaus Deutschland GmbH & Co. KG, das sie „die Vermarktung von nationalen Werbebelegungsmöglichkeiten (u.a. Anzeigen sowie Sonderwerbeformen) in Werbeträgern von Gesellschaftern und von Dritten einschließlich der Abwicklung und Abrechnung der Werbeaufträge sowie damit zusammenhängender Geschäfte zum Gegenstand hat.“

Hinter dem Begriff Piano-Modell steckt das slowakische Unternehmen Pianomedia (siehe dazu auch medienwoche.ch), die sich als Spezialisten für Paid Content bezeichnen. Sie bieten sowohl Software und entsprechende Prozesse für eine verlagsübergreifende (Piano National) als auch eine verlagsspezifische Lösung (Piano Solo) an. Nach der Slowakei und Slowenien ist auch in Polen das Piano-Modell installiert worden.In Polen sind an dem Modell unter anderem auch Ringer Axel Springer sowie die Verlagsgruppe Passau beteiligt. Und eine weitere Expansion in Europa wurde bereits im letzten Jahres angekündigt (auch hier). Entweder stimmt die Aussage Steingarts im Kern, dann hat Axel Springer das Piano-Modell in eine eigene Software gegossen oder man beteiligt sich an Pianomedia oder übernimmt diese gar gleich. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass deutsche Verleger Ihre Revenues mit anderen wie Apple oder Pianomedia auf Dauer teilen wollen. Und auch die direkten Zugänge zu den Kunden werden sie nicht aufgeben. Interessant ist, wie Christoph Keese zu dem Thema Pianomedia keine Stellung bezieht.

Jetzt addieren wir mal 1 und 1 zusammen. Die Zusammenschlüsse und ein gemeinsames Vorgehen deutscher Zeitungsverlage nehmen zu: Medienhaus Deutschland und die Quality Alliance von Verlagsgruppe Handelsblatt, FAZ, SZ und ZEIT kümmern sich um eine gemeinsame Werbevermarktung in Print und Digital. Das Leistungsschutzrecht ist so gut wie durch. Fehlt nur noch eine Einigung oder ein juristischer Sieg mit dem bzw. gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dann dürfte zumindest in Deutschland das Thema Free-Content für Qualitätsjournalismus im Wesentlichen bei Spiegel-Online verbleiben, solange die standhaft bleiben.

Ich bin gespannt was das Kartellamt machen wird. Während sowohl Medienhaus Deutschland als auch die Quality Alliance ohne Probleme an den Markt gegangen sind, hat man eine gemeinsame Inhalte-Vermarktung – Video on Demand – der öffentlichen-rechtlichen Sender und zahlreicher Produzenten zunächst mal gebremst. Eine gemeinsame technische Plattform ohne gemeinsame Abrechnung würde dagegen wohl durchgehen. Das könnte dann auch für die Verlage die Lösung sein. Der Politik würde es recht sein.

Paid Content ist und bleibt das Medienthema 2013.

16. März 2013 von Thomas
Kategorien: Bezahlmodell, Geschäftsmodell, Qualitätsjournalismus | Schlagwörter: , , , | 5 Kommentare

Kommentare (5)

  1. Niemand hat die Absicht, eine Paywall zu errichten.

  2. Eines ist mal klar:
    Wenn meine Beiträge zu einer gemeinsamen PayWall der Pressesozialisten (Leistungsschutzgesetz, Monopolisierung…was ist aus dem freien Markt geworden, den ihr so schätzt, Leute?) auch nur in geringstem Maße dem Springer Verlag zukommen würde, könnte das Angebot noch so gut sein, ich würde nicht einen einzigen Cent dafür bezahlen.
    In anderen Fällen müsste man sich das überlegen, aber ich halte nichts von „Zwangsabgaben“ (Die Presseverleger ja auch nicht, wenn’s nicht gerade um sie selbst geht) und würde sicher auch anders an die Informationen kommen, die ich brauche. Und sei es, dass ich mich dazu herablasse, die ARD Propagandaschau anzusehen.

    Insgesamt hat ein Großteil der Presselandschaft einfach seine Glaubwürdigkeit vollständig aufgegeben, indem dort immer wieder das, was in Bezug auf andere als der Untergang des Abendlandes niedergeschrieben wird, für sich selbst eingefordert wird. Und das, was an anderer Stelle immer wieder eingefordert wird, für sie selbst nicht gelten soll.
    Und dafür auch noch bezahlen?

  3. Ja, das sollte man genauer im Auge behalten.

    August 2012:

    Bedroht das Netz oder hilft es dem Journalismus, mächtig zu werden, wie er noch nie war? Darüber sprachen Jakob Augstein, Peter-Matthias Gaede, Ines Pohl, Giovanni di Lorenzo, Georg Mascolo und Stefan Niggemeier.

    […]Giovanni di Lorenzos Aussage zur Problemlösung einer Finanzierung erschien ersteinmal irgendwie naheliegend. Bei genauerer Betrachtung hörte sich diese Überlegung allerdings etwas illegal an: „… wir haben nur Zusammen, in einer intelligenten Verschränkung, eine Option auf wirtschaftliches Überleben… „zehn große Verlage“ sollten sich einig sein …“ (ca. 16. Min.)[…]

    https://www.freitag.de/autoren/meyko/bezahlschranke-beteiligte-und-befangenheit

  4. Den Begrif „Qualitätsjournalismus“ mit SPON in Verbindung zu setzen ist aber sehr mutig … davon hat sich das ehemalige Nachrichtenmagazin schon lange verabschiedet!

  5. Pingback: Linktipps: New York Times, Gutjahr, Web-Design | Lousy PenniesLousy Pennies

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